Presse
20.03.2019, 10:00 Uhr | MOZ/Onlineredaktion/Kerstin Ewald
Stoff für viele Leben
Kommt Harry Jauert ins Erzählen, könnte man denken, er hätte mehrere Leben gleichzeitig gelebt. Der Gastwirt ist auch Fleischer und Kanonenschütze, war Maschinenbauer, Ostseefisch-Fahrer. Als Rennfahrer hat er die Legende Peter Mücke getroffen. Aber das ist schon lange her.
Ungewöhnliches Hobby: In Harry Jauerts Garage steht ein preußischer Sechspfünder. Scharf schießen darf er mit seiner Gruppe, der "Königlich Preußischen Gardeartillerie zu Fuß-Compagnie Nr. 1", nur auf dem Schießplatz. Sonst wird geböllert. Alle fünf Jahr

1993 war ein wichtiges Jahr im Leben von Harry Jauert. Da hat er mit seinem Großcousin das Ladenlokal in der Ahrensfelder Dorfstraße 62 so fertig gebaut, wie es die Ahrensfelder heute kennen, und er hat den Ahrensfelder Schützenverein mit gegründet. 2003 war auch so ein Jahr. Da hat der Gastwirt von seinem Großcousin Peter das Nachbarhaus samt dem Ladenlokal gekauft und damit das Familienunternehmen wieder in eine Hand gebracht. Na, eigentlich in mehrere Hände, denn seine Kinder Claudia und Christian arbeiten mit im Jauertschen Bistro und im Cateringservice. Bald wohnen auch wieder alle drei erwachsenen Kinder – also auch Daniela – zusammen mit den Eltern Roswitha und Harry auf dem Jauertschen Hof zwischen Dorfstraße und dem Ahrensfelder Ortsteilzentrum. Das ist der Flecken von Ahrensfelde, auf dem schon Jauerts Urgroßeltern und Großeltern Gemüse angebaut haben.  "Damit ist mein Lebens-traum erfüllt", beteuert Harry Jauert, den die alten Ahrensfelder alle kennen. In seinem Lokal treffen sich einige heimische Vereine und auch ein erstaunliches Spektrum an politischen Parteien. "Ich höre mir die Debatten öfter mal an, aber aus der Politik halte ich mich raus", kommentiert der Wirt.

Dass der Lebenstraum wahr wurde, dafür hat der originelle Ahrensfelder ohne Ende gerackert. Allerdings nicht, ohne dabei zu jeder Zeit auch seine exzentrischen Hobbys zu pflegen. So befeuert er als Preußischer Fusilier seit vielen Jahren eine selbstgebaute Kanone. Und das kam so: Zwei Jahre, nachdem der Schützenverein Ahrensfelde gegründet wurde, fuhr Harry Jauert mit seiner Schwester zu einer Fahnenweihe nach Strausberg, wo sie sich von einem Dreipfünder aus dem amerikanischen Bürgerkrieg und einer schwedischen Kanone faszinieren ließen. Ein dreiviertel Jahr später suchte man den Kontakt mit einer Historikerin vom Deutschen Historischen Museum. Sie zeigte Unterlagen mit verschiedenen Kanonenmodellen. "Als wir dann den preußischen Sechspfünder sahen, wussten wir, das ist was für uns", erzählt der passionierte Schütze und amtlich ausgewiesene Sprengstoffexperte. Die Ahrensfelder Kumpel von der "Königlich Preußischen Gardeartillerie zu Fuß-Compagnie Nr. 1" – wie sie sich inzwischen nennen – machten sich ans Werk. Die meisten Teile konnten sie selbst herstellen, das Rohr, die Achse und Zubehör, wie den Kretzer, mit dem man nach dem Kanonendonner die Pulverreste aus dem Rohr schabt.

"Das Schwierigste waren die Räder", erinnert sich Jauert, der als Maschinenbauer zwar alles Mögliche schweißen kann, aber mit Wagenrädern nun auch keine Erfahrung hatte. Doch keine Kanone ohne Räder – nach einigem Hin- und Her baute schließlich ein Handwerker der Defa-Studios zwei Räder für die Ahrensfelder.

Und so kam es, dass Ahrensfelder Schützen 2006, eingeladen vom Verein "Historiale", mit Hunderten Darstellern und  an die 30 000 Zuschauern am Brandenburger Tor standen und die Darsteller der siegreichen französischen Armee – vermutlich jubelnd – empfingen. Das französische Militär unter Napoleon hatte 200 Jahre und wenige Tag zuvor die Preußen bei Jena und Auerstedt vernichtend geschlagen. Das Spektakel sollte den Berlinern zu mehr Geschichtsbewusstsein verhelfen.

2006 war auch das Jahr, in dem Harry Jauert Napoleon zum ersten Mal umarmte. Mark Schneider, der US-amerikanische Historiker und laut Harry Jauert der weltweit authentischste Napoleon-Darsteller, ist den Ahrensfeldern bei ihren Einsätzen auf Geschichtsfestivals schon häufig begegnet. Mit Schneider, der sensationeller Weise tatsächlich wie der ebenso erfolgreiche wie größenwahnsinnige Franzose korsische Wurzeln hat, verbindet sie inzwischen eine Freundschaft.

In der Ahrensfelder Compagnie machen übrigens auch Frauen mit. "Eigentlich müssten sie als Marketenderinnen auftreten", meint Jauert, "aber meine Schwiegertochter sagte, ‚wenn ich mitkomme, stehe ich an der Kanone‘. Und da stand sie dann, zum Beispiel beim Gedenkspektakel in Waterloo 2005."

Schusswaffen haben Harry Jauert schon immer fasziniert, in den 80ern ist er manchmal mit zur Jagd gegangen. Als Militarist sieht er sich eigentlich nicht: "Bei der Armee sollte ich als Scharfschütze eingesetzt werden", erzählt er, "ich wurde aber lieber Kraftfahrer." Wie fühlt man sich, wenn man mit einer Kanone durch verschiedene europäische Länder fährt? Meistens ergeben sich unterwegs lustige Begegnungen, wie Harry Jauert nicht müde wird zu erzählen. In vielen europäischen Ländern hat er Gleichgesinnte getroffen: Polnische, tschechische, österreichische, holländische, belgische Geschichtsdarsteller mit Waffenfimmel.

Für Harry Jauert ist die Geschichtsdarstellung nicht das einzige verrückte Hobby. Im Moment  hält er einen Emu auf seinem Hof, früher Ende der 70er-Jahre ist er mit einem Autocross Buggy Rennen gefahren und hat dabei auch Rennfahrerlegende Peter Mücke kennengelernt. Gegen ihn angetreten ist Jauert aber nicht. Mücke startete in der 600-Kubik-, er selbst in der Trabant-Klasse.

Als Junge hat Harry Jauert noch auf der Dorfstraße, über die heute täglich Zehntausende Autos rollen, Fußball gespielt. Wenn er zur Schule ging, musste er nur über die Straße. Als junger Mann wollte er gerne Pilot werden. Vielleicht liegt es an dem unerfüllten Berufswunsch, dass er so viele Professionen ausprobiert hat und sich immer wieder in kleine Abenteuer stürzt. Wer weiß, was ihm noch so einfällt, falls er sich irgendwann als Fleischer und Betreiber des Partyservice zur Ruhe setzt.

 
aktualisiert von Maik Berendt, 26.03.2019, 11:20 Uhr
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